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Märchen als mündliche Quellen für die Religionsgeschichte?

Wie sicher ist mündliche Überlieferung? Wie alt sind unsere Märchen? Was sagen sie über ihre Entstehungszeit? Haben sie Quellenwert?

Wenn man Märchen auf ihre Handlungsstruktur hin sorgfältig analysiert, dann finden sich Muster, die immer wiederkehren. Z.B.: Ein Held zieht aus, etwas zu suchen, jemanden zu befreien. Mit oder vor ihm ziehen zwei Gefährten oder Brüder aus. Alle werden vor Alternativen gestellt. Die beiden ersten entscheiden falsch, der dritte, der Held, entscheidet richtig. Er gewinnt jenseitige Helfer und besteht so die Aufgabe. Am Ende wird er mit einem Königreich belohnt.

Schaut man sich die Menschheitsgeschichte an, dann findet man eine Kultur, in die diese Märchen gut passen: die mykenische Zeit (Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. - ca. 1200 v. Chr.). Alle Überbleibsel dieser Zeit, wie Mythen und Bilder, sprechen von ihrem Interesse an Helden, an ihren Abenteuern und Kämpfen, an ihrem Drang in die Welt hinaus.

Mit Hilfe einer breit angelegten Untersuchung ist es gelungen zu zeigen, daß Märchen dieser Struktur tatsächlich in der mykenischen Zeit entstanden sind. Auch andere Märchenstrukturen konnten beispielhaft analysiert und datiert werden.

Wie ist aber eine derart lange Überlieferung zu erklären? Hat sich "unterwegs" etwas verändert? Ist die Rede von zuverlässiger oraler Tradition über Jahrhunderte und Jahrtausende nicht selbst ein Mythos? - Sie ist es nicht.

Märchen gehören zum "kulturellen Gedächtnis" (Jan Assmann) und unterliegen anderen, eigenen Überlieferungsbedingungen. Überliefert wird, was "wahr" ist, d.h. prototypisch und identitätsstiftend. Erzähler können nur erzählen, was die Gemeinschaft hören will. Roman Jakobson nennt das "Präventivzensur" der Gemeinschaft. Die Form schleift sich im wiederholten Erzählprozeß so zurecht, daß sie zeitlos gültig wird. Dann, "rundgeschliffen", kann sie auch noch mit Gewinn weitervermittelt werden, wenn andere Zeiten andere Themen, andere gesellschaftliche Konstellationen, andere Weltauffassungen haben. Der elementare menschliche Wunsch nach Weltdeutung, dichterischer Bewältigung des Lebens, nach Ermutigung und Überwindung von Angst vor Neuem, Unbekannten, nach Rückbindung an Vertrautes hat Märchen über erstaunlich lange Zeit am Leben erhalten. Wie diese Überlieferungsprozesse genauer zu verstehen sind, lesen Sie in der Dissertation:


Märchen als mündliche Quellen für die Religionsgeschichte?

Ein neuer Versuch der Auseinandersetzung mit den alten Problemen der Kontinuität oraler Tradition und der Datierung von Märchen

Angelika-Benedicta Hirsch

erschienen bei Peter Lang 1998

Einige Stichpunkte aus dem Inhalt:

  • Zsf. der Geschichte der Märchenforschung unter besonderer Berücksichtigung der verschiedenen Theorien zum Alter des Märchens und strukturalistischer Ansätze.
  • Die "Analogie einer Epoche" als Datierungsmethode (August Nitschke)
  • Das Problem der Kontinuität - Die Ideologisierung des Begriffs
  • Datierung einer exemplarischen Gruppe von Märchen (Alle Grimm-Märchen, in denen eine Zwerggestalt vorkommt)
  • Märchen als Ersatz für Übergangsrituale

 

    Dr. phil.  Angelika-Benedicta  Hirsch
www.grenzgaenge.de hirsch@grenzgaenge.de
Warthestr. 49, D-12051 Berlin;  030 / 62 84 55 91